Kreative Texte (2) aus einem Workshop in Zürich 2006 – Thema: Ferien.
Fuerte
Es lag an ihren übertriebenen Erwartungen. Hollywood hatte einen irreparablen Schaden angerichtet – nicht nur bei ihr. Der Himmel über der Insel lag voller Wolken; die Sonne stach ab und zu durch, tränkte alles mit ihren wärmenden Strahlen. Den Nachmittag hatte sie auf der Terasse ihres Hotelzimmers verbracht und versucht, die dunklen Wolken, die ihr Gemüt bedeckten, wegzuscheuchen, zu vertreiben. Warum nur musste sie an allem und jedem zweifeln? Am allermeisten an sich selber. War sie dermassen abgestumpft, dass sie ihre eigene innere Stimme nicht mehr hören konnte?
In der Ferne liess jemand einen Drachen steigen, und Ines beobachtete, wie er seine Kreise zog, hoch in die Luft segelte, um dann tief in den Abgrund zu stürzen. Majestätisch kreisend, sich im Wind haltend – ohne Mühe, vielleicht, so überlegte sie wehmütig, sogar ohne «regrets». Schade, dass die Ferien schon bald zu Ende sein würden. Der Alltagsstress würde sie wieder in der Mangel haben und ihr keine Zeit mehr für Überlegungen lassen.
Sie war froh darüber, andererseits wusste sie, dass das gleichzeitig schlecht für ihr Inneres war. Vergraben in kleinen, unscheinbaren Problemen und Kleinkram, würde sie nie in der Lage sein, zu sich selbst zu finden.
Der Drachen kreiste weiterhin am Himmel. Die letzten Sonnenstrahlen des späten Nachmittags wärmten nicht nur ihre Beine, sondern auch ihre Seele. Eine ausgedörrte Seele, so ausgedörrt wie die grossen Wüsten der Welt. Einmal hatte sie eine Mitarbeiterin sagen hören, dass die Lieblingslandschaft eines Menschen immer den Zustand der eigenen Seele wiederspiegle. Ines hatte das damals nicht verstanden, denn sie fühlte sich hingezogen zur Wüste Ägyptens und Israels, sowie zu den Ozeanen.
Doch, was sollte das mit dem Zustand ihrer Seele zu tun haben? Jetzt schienen die Teile zusammenzufallen, sich ineinander zu fügen. Das Bild wurde klar vor ihren Augen. Doch sie fragte sich, woran es liegen mochte, dass ihre Seele so ausgedehnt war wie der Ozean vor ihrem Balkon und so karg wie die Wüste, die diese kleine Kanarische Insel erstickte.






