Suchen
Kreative Texte (3) aus einem Workshop in Zürich 2006 – Thema: Ferien.
 
Alassio
 
Francescos Gesicht war glatt und schlüpfrig wie sein nach hinten gekämmtes Haar. Er gefiel den Frauen, das wusste er. Sein Gesicht war ebenmässig wie sein Charakter. Mit immer den gleichen Sprüchen, immer dem gleichen Lächeln verzauberte er sie alle, egal ob sie aus England, Deutschland oder Holland waren – Hauptsache sie waren Touristinnen. So wurde jeder Beziehung nach einer angemessenen Zeit ein kurzes und schmerzloses Ende bereitet; der Flug nach Hause. War die Badesaison zu Ende, ruhte sich Francesco erst einmal aus. Er hatte es nie eilig, mit seiner Freundin Frieden zu schliessen oder sich eine neue zu besorgen. Er gefiel den Frauen, das wusste er.
«Du hast einen dicken Bauch», sagte er und trommelte bestätigend darauf. Er hauchte ihr einen Kuss ins lange, blondgefärbte Haar. Mit verzogenem Mund wand sie sich aus seiner Umarmung. «Laas mich», antwortete sie in deutsch akzentuiertem Italienisch. Sein Griff wurde eng, besitzergreifend. «Laas mich», wiederholte sie und wand sich weiterhin. Francesco lachte. Ein trockenes, kaltes Lachen. Er wiederholte die Beleidigung. Der Ton seiner Stimme war sanft, zugleich kalt wie Stahl. Seine blauen Augen fixierten die junge Frau, hielten sie in der Zange. Er genoss das Gefühl der Überlegenheit, der Stärke. Er war der Mann, er hatte das Recht alles zu sagen, was ihm einfiel. Sie klebte an seinen Lippen, wollte das hören. Er spürte das, spürte, wie sie ihn hasste und zugleich begehrte. Sie hätte jetzt alles darum gegeben, wenn er sie geküsst hätte. Hart und gierig. Wenn er seine fordernde Zunge tief in ihren süssen, wollüstigen Mund gepresst hätte und ihr gezeigt hätte, dass er der Mann war, der Jäger, der seine Beute erlegte, wann und wie er wollte. Ja, Francesco war ein Mann, ein Mann, der den Frauen gefiel. Das wusste er.
Bücher zum Thema
 

Möchten Sie antworten?