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Kreative Texte (1) aus einem Workshop in Zürich 2006.
Thema Ferien.
 
Selima
 
Ein leichter Wind strich über das halbleere Hotelareal. Es war Mittag und die wenigen Gäste, die sich an diesem Oktoberwochenende noch im Club aufhielten, waren träge. Die Sonne brannte und verursachte da und dort kleine Sonnenbrände. Nathalya betrachtete ihre stämmigen Beine. Sie waren feinsäuberlich rasiert und glänzten wie frischgemachte Cervelats, die man soeben aus dem Kessel geholt hatte. 
Eigentlich war Nathalya auf den Namen Nathalie getauft, aber sie fand, dass die russische Version ihrer Persönlichkeit etwas Edles verlieh. Schliesslich war sie ja auch etwas Besonderes. Nicht, dass sie ausgesprochen hübsch gewesen wäre, ihre Nase und ihre Hüften waren bei weitem zu massig, aber Nathalya war überzeugt, dass eine aussergewöhnliche Persönlichkeit mehr zur Schönheit einer Frau beitrug als alles andere. Das Paradebeispiel für Nathalyas Theorie war Silvie.
Auch wenn ihre Freundin in jedem Fummel eine tolle Figur hermachte – und zum Teufel, das tat sie – und die Männer scharenweise hinter ihr her waren, so konnte sie gegen Nathalyas cosmopolitische Art nichts dagegenhalten.
«Wann bist du angekommen?» fragte eine ihr nur allzu gut bekannte Männerstimme.
Langsam und würdevoll drehte sie sich um. «Guten Tag Riadh. Wie geht’s dir denn so?»
Sie wusste, dass Riadh verrückt nach ihr war. Bei keiner anderen Frau war er so zurückhaltend wie bei ihr. «Ich hab dir gesagt, ich komm zurück», flötete sie und lächelte dabei so erwartungsvoll wie die Hexe, die Hänsels Finger prüft.
Riadh verzog seine fleischigen Lippen zu einem Lächeln. «Chérie, ich kann es kaum fassen!» Sie war doch erst kürzlich abgereist, allerhöchstens zwei Wochen und jetzt war sie wieder da. «Ist deine Freundin auch dabei?»
Natürlich war Silvie mitgekommen, diese Ziege. Im Grunde waren die zwei Freundinnen – auch wenn sie in Nathalyas Augen ein farbloses Schaf war.
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